Gedanken eines Azubis im öffentlichen Dienst
Montag 15. Januar 2007
06:00 Aufstehen
06:03 Duschen und Co.
06:20 Kaffee trinken und wach werden
06:30 Immer noch wach werden und Sachen für die Arbeit zusammenpacken
06:40 Losgehen Richtung Bahnhof
06:54 In den Zug Richtung Köln Hbf steigen
07:13 Pünktlich wie gewohnt in Köln angekommen
07:15 In die verspätete S12 Richtung Düren steigen die eigentlich um 07:10 fahren sollte und sich freuen das man 5 Minuten vor dem Zeitplan liegt
07:25 Ernüchterung macht sich breit – S12 hält in Köln-Ehrenfeld (1 Station zu früh) und alle müssen aussteigen…”Wegen eines Notarzteinsatzes sind die S-Bahn Strecken Richtung Düren und Horrem gesperrt”
07:35 Man macht sich über alternative öffentliche Verkehrsmittel schlau die einen zum Ziel bringen könnten
07:38 Auf dem Weg zum Bus hört man im Hintergrund noch “In wenigen Minuten fährt auf Gleis 2 die S-Bahn Linie 12 Richtung Düren ein”
07:40 Sie kommt tatsächlich und bringt mich auch dahin wo ich hin möchte ein kleiner Zwischenerfolg
07:52 Endlich Einloggen und ins Büro
07:54 Jacke aus, Computer an, E-Mails lesen und ins Intranet schauen – Alltag macht sich breit
08:00 Bei Kollegen im Büro vorbeischauen weil die Unterhaltung über Brokeback Mountain in meinem Büro nicht mein Lieblingsthema ist
08:20 Mit einem Stapel Papier zu den Aktenschränken spazieren und so tun als würde man Arbeiten
08:21 Feststellen das man aufgrund Fehlender Akten momentan komplett aufs Falsche Pferd gesetzt hat und Arbeit nicht mal vortäuschen kann
08:30 Im Allgemeinen Gewühl der Vorbereitungen zu einem Team-Frühstück anfangen den Tag zu Protokollieren
08:39 Protokoll unterbrechen um neuen Berichtenswerten Dingen den Weg in mein Leben frei zu machen
08:43 Beim Spülen der Kaffeetasse feststellen das manche Leute verdammt hübsch eingerichtete Büros haben (Warum hab ich so was nicht?)
08:44 Im Intranet nachschauen was der Mensch der dieses Büro bewohnt eigentlich macht
08:45 Erfolg -> Zuwendungen im Bereich Kultur also… warum verschenkt der nette Herr Steuergelder und kriegt dafür das schönste Büro das ich bisher gesehen habe? Fragen über Fragen und ich bekomme Kopfschmerzen. Erst mal nen Kaffee trinken.
08:49 Teamfrühstück im Büro und nicht mal Hunger… aber es gibt mehr Kaffee!!!
08:50-10:00 Frühstück mit den Kollegen… hört sich ja im ersten Moment lustig an und nach viel Spaß. Den scheinen die Anwesenden auch zu haben. Nur ich langweile mich wie nix gutes und frage mich – wird man mit fortschreitendem Alter echt so langweilig? Nach 30 Minuten Anstrengender Diskussion über Käse, Brötchen und Wurst ging es weiter mit der miesen Erziehung der heutigen Jugend und ekligen Insekten. Immerhin gab’s Kaffee was ein guter Grund ist an solch einem Frühstück teilzunehmen. Interessant ist aber welche Personengruppen über welche Themen sprechen:
- Dicke Frauen: Sehr Aktiv beim Thema Essen und ekliges Essen
- Schwangere Frauen: Grundsätzlich zu allem eine Meinung aber vor allem Experten im Kinder erziehen obwohl selbst noch nichtmal fertig mit Brüten
- Junge Frauen: Autounfälle in der Tiefgarage und Co
- Die Männer: Still und immer mal nen flotten Spruch auf den Lippen deren Zweideutigkeit sich oben genannten Gruppen nur selten erschließt
- Azubis: Still, nur am schlürfen von Kaffee interessiert und versuchen nicht laut schreiend wegzurennen oder jemanden mit einem Butterverschmierten Brotmesser anzufallen
I will survive
10:05 Kleine Pause mit Kollegen… Erstmal über die bisherigen Ereignisse Auskotzen -> Jetzt geht’s mir zwar immer noch nicht besser aber immerhin hab ich weitere 20 Minuten (bezahlt) hinter mich gebracht ohne zu Arbeiten.
10:27 Ich spiele mit dem Gedanken mich noch einmal zur Gemeinde in den Nachbarraum zum Frühstück zu setzen, jedoch höre ich schon von hier aus, dass das aktuelle Thema (Salmonellen und verschimmelte Lebensmittel) nicht meinem Interessengebiet entspricht und entscheide mich damit weiter an diesem Bericht zu schreiben (Selbstmitleid kann echt Spaß machen)
10:30 ich spiele mit dem Gedanken mich selbst mit Arbeitsmaterialien zu verletzen jedoch stellen sich sowohl Locher als auch Tipp-Ex und Klebestift als ungeeignet heraus und ich muss diesen Plan auf später verschieben… Problematisch ist aber das mein Stuhl noch am Frühstückstisch steht und ich daher im stehen Tippen muss. Das ist sehr unkomfortabel jedoch glaube ich, dass es nicht gerade förderlich für die weitere Arbeitszeit in diesem Büro wäre wenn ich meinen Stuhl holen würde und damit offen zugeben würde: „IHR SEID LANGWEILIG“. Was tun? Es gibt einfach keine langfristig bequeme Körperhaltung bei der sich der Kopf auf circa 1,5m Höhe befindet für die man keine Hilfsmittel braucht. Wieder ein Problem das nach einer Lösung schreit.
Falls ich eine Idee (inklusive Patent) habe werde ich diese an geeigneter Stelle publizieren und soviel Geld damit verdienen das ich nie mehr in ein Büro muss in dem es keinen Stuhl gibt…
10:38 Ich höre von nebenan das über die vorangeschrittene Zeit gesprochen wird. Hoffnung macht sich breit das das Frühstück bald beendet wird. Jedoch bringen Frau Schwanger und Frau Dick ein anderes Thema auf und scheinen darüber einen mindestens 15 minütigen Vortrag halten zu wollen. Ich überlege ob die von Douglas Adams beschriebene Art zu fliegen wohl funktionieren könnte (für alle die den Anhalter nicht kennen: Um zu Fliegen muss man nur hinfallen und den Boden verfehlen).
Erste Selbstversuche in der Vergangenheit zeigten jedoch das ich ein außergewöhnliches Talent habe den Boden zu treffen und ich werde nach einer anderen Möglichkeit nutzen meine mittlerweile doch etwas überstrapazierten Knie und Füße zu entspannen -> Ich gehe aufs Klo.
11:02 Nach einer sehr Kurzen Session auf der Toilette im A-Flügel auf Etage 3 des NTZ habe ich (mal wieder) eine kurze Pause mit Herrn Riccardo N. eingelegt und bin soeben wieder in meinem Büro eingetroffen. Gerade rechtzeitig wie sich herausgestellt hat um das Ende des Frühstücks zu verpassen und meinen Stuhl bereits wieder an meinem Tisch vorzufinden. ENDLICH WIEDER SITZEN!!!
Doch eine Überraschung hat mich an meinem Arbeitsplatz erwartet. In meinem Outlook Posteingang befand sich eine E-Mail von Stefan B. der mich fragt hat ob er uns bei unsrem Täglichen Marsch zur Kantine begleiten darf. Ausweichend habe ich ihn an den armen Herrn Lars K. weitergeleitet um diese schwere Entscheidung nicht selbst treffen zu müssen.
11:05 Ich frage mich was meine um mich herum wuselnden Kollegen von mir denken das ich seit Stunden mehr oder weniger regelmäßig in einem Word Dokument rumschreibe das offensichtlich nicht dienstlicher Natur sein kann da die einzige Aufgabe die mir bisher übertragen wurde das Abheften von Blättern in Personalakten ist.
11:06 Eine weitere E-Mail von Stefan B. Er teilt mir mit, das Lars K. ihn bereits an mich weitergeleitet hat. Was für eine Sauerei. In mir steigen Phantasien hoch wie ich Lars K. brutal Foltere und irgendwie hätte er das ja auch verdient. Aber das verschiebe ich auf heute Nacht denn viel wichtiger ist in diesem Moment: Was mache ich jetzt mit Stefan B.? Soll ich ihm sagen das er bleiben soll wo der Pfeffer wächst? Soll ich ihm sagen er kann mitkommen und mich der Gefahr aussetzen das die restlichen Kollegen mich so Foltern wie ich es mit Lars vorhabe? Wieder einmal siegt meine Freundlichkeit Minderheiten gegenüber und ich entscheide mich Stefan B. die Genehmigung zu erteilen die Mittagspause mit uns zu verbringen. Schlagt, beißt oder kratzt mich aber ich kann nichts gegen mein Naturell tun.
In freudiger Erwartung der Mittagspause gönne ich mir eine kreative Pause.
11:20 Das Intranet ist immer noch langweilig aber hat mich immerhin gute 10 Minuten beschäftigt.
11:22 Ich stelle fest das um mich herum alle irgendwie Beschäftigt aussehen. Nach genauerem hinhören stelle ich aber fest das es beim Telefonat um Aldi Heißklebepistolen geht und bei der vermeintlich dienstlichen Unterhaltung ums Spülen von Tellern. Ein Glück ich dachte schon ich wäre die einzige faule Sau hier.
11:24 Innerlich lobe ich mich selbst dafür schon wieder über 5 Stunden meines Lebens sinnlos verbracht zu haben. Nachdem ich das aufgeschrieben habe kommt mir der Gedanke das das vielleicht gar nichts gutes ist. Und durch das überlegen ob Lebenszeitverschwendung (das Wort habe ich erfunden!) gut oder schlecht ist verschwende ich ja immer mehr davon… Ein Teufelskreis…
11:26 Nachdem ich nun schon den 4ten Tag in diesem Büro verbringe fällt mir das große „Bridget Jones“ Poster an der Wand auf. Was finden Frauen eigentlich so toll an diesem Film? Hilft er Frauen mittleren Alters wirklich dabei ihr verlorenes Selbstbewusstsein wieder zu erlangen? Glauben Frauen wirklich das Leben ist wie in diesen überspitzten und von Klischees voll gestopften Liebesfilmen? Wieder einmal drängt sich mir der Gedanke auf – ich verstehe Frauen nicht. Muss ich überhaupt? Ich glaube die letzten 21 Jahre meines Lebens recht glücklich verbracht zu haben auch ohne sie zu verstehen. Ich beschließe einen Ratgeber für Männer herauszubringen. Jedoch keinen der einen hilft Frauen zu verstehen sondern einen mit Ratschlägen wie man trotz dieser Schwierigkeiten gut durchs Leben kommt. Bin ich zu Philosophisch? Mag wohl sein… Ich versuche meinen Fokus in Zukunft wieder enger zu gestalten und die kleinen Dinge im Leben zu betrachten und dieses verdammte Bridget Jones Poster zu ignorieren…
Ein gutes hat das Poster jedoch – man sieht Renée Zellweger sitzend mit einer Schachtel Pralinen und einem Aschenbecher was man daran erinnert was ich eigentlich noch vorhatte zu tun…
Zusatz zur Pre-Mittagspausen-Phase (noch ein neues Wort erfunden)
11:51 Nach fast 20 Minuten die ich nicht im eigenen Büro war stellt sich das Problem – wie kommt’s an wenn ich jetzt direkt wieder in die Pause gehe? Habe ich eine Wahl? Ich gehe das Risiko ein! Ich bin der Mann hier! Boyakasha!
12:32 Fast pünktlich zurück aus der Pause. Ein Rückblick:
11:54 Ich treffe leicht verspätet bei meinem Meeting in Etage 6 ein. Doch die Überraschung: Herr N. war zum verabredeten Zeitpunkt nicht in seinem Büro. Also gut dann weiter zur Azubisammelstelle in die 1te. Hier traf ich die gesammelte Meute auch an die bereits vor Hunger sabbernd auf mich wartete. Nach einer kurzen Lagebesprechung ging die Tour los. Unterwegs noch den ziellos umher irrenden Herrn N. eingesammelt und schnurstracks in Richtung Goldenes Horn. Kurz nach Marschbeginn verloren wir in Tim V. einen wichtigen Mann an einer Bushaltestelle. Auf unserem Kreuzzug waren wir dann kurz davor weitere Verluste hinnehmen zu müssen als sich Lars K. mit einem tieffliegenden Verkehrsschild anlegte. Doch er kam mit dem Schrecken davon und unsre Kompanie traf vollständig am Schlachtort ein. Schnell stellten wir fest, das die gegnerische Horde in großer Überzahl erschienen war und mussten schnell die Strategie wechseln. Herr N. und ich sicherten die West-Flanke während sich Markus K. Lars K. und Stefan B. durch die Gegnermassen metzelten.
12:10 Der Kampf war noch nicht gewonnen aber wir einigten uns auf einen Waffenstillstand damit sich unsre 3 mutigen Kämpfer wieder stärken konnten.
12:25 Herr N. und ich entschlossen uns den Rückweg zu sichern damit die immer noch geschwächten Krieger sicher heim finden konnten. Wir waren erfolgreich und trafen wie bereits erwähnt gegen 12:32 wieder im sicheren Lager an wo es wie gewohnt nach vergossenem Blut und Schweiß stank, also allem was das Azubi-Herz begehrt.
Und nun mach ich mich ans Akten abheften…
12:58 Nachdem ich leicht in die philosophische- und dann in die Fantasyecke abgedriftet bin mal wieder eine ganz neutrale Feststellung: Sachbearbeiter sind Sammler. Die Akten die ich brauche liegen zu mindestens 30% auf Schreibtischen verteilt statt in den Schränken zu hängen. Ich liebe den öffentlichen Dienst. Angst macht sich in mir breit. Wenn schon der Urinstinkt des Sammelns wieder hervorkommt, wann geht das mit dem Jagen erst wieder los? Bin ich vielleicht nur als Futtertier hier eingestellt worden? Ich erinnere mich an eine Mittagspause vor nicht allzu langer Zeit, als ich eine Maus in einem Terrarium mit einer Schlange beobachtet habe. Die Maus war so mutig auf dem Kopf der Schlange rum zu laufen und hatte das Glück das die Schlange nicht beobachtet werden wollte wenn sie ihre Mahlzeit zu sich nimmt. Bin ich die Maus? Bin ich umgeben von Schlangen?
Ein leichtes Gefühl der Angst macht sich in mir breit. Falls ich das nicht überlebe vererbe ich all meinen Besitz an den kleinen Jungen auf Chicken Island für den meine Eltern eine Patenschaft übernommen haben.
13:04 Ich fühle mich überfordert! Namen auf Blättern lesen und in einem Aktenschrank suchen ist einfach zuviel verlangt… Darauf hat mich die Schule einfach nicht genügend vorbereitet. Ich spiele mit dem Gedanken heulend wegzulaufen, aber wenn ich meine Sachen vorher zusammenpacke und die Jacke anziehe geht die Dramatik vollkommen verloren und der Sinn der Übung wäre verfehlt. Eine weitere hübsche Idee die schon in ihrer Entstehung dem Tode geweiht ist wie so mancher kleiner Fötus.
13:07 Schon seit 20 Minuten kein Wort mehr gesprochen in diesem Büro. Haben die Damen ihre Fähigkeit mehrere Dinge gleichzeitig zu tun verloren oder holen sie gerade die sicher in den hinteren Backen verstauten Essensreserven hervor und beschäftigen sich damit? Mittag gemacht haben sie beide noch nicht und sie halten gut durch. Ich beobachte weiter aufmerksam.
13:14 WAHNSINN – Meine Vorgesetzte betritt das Zimmer und das unglaubliche wird wahr: Es wird wieder gesprochen. Da ich weder betroffen bin, noch betroffen bin von dem was besprochen wird (diesmal sogar wirklich dienstlich relevant) fliehe ich zu Lars K.
13:37 Zuviel Konversation auf einmal. Ich fühlte mich an Gilmore Girls erinnert. Ich tippe ja schon relativ schnell mit 400 Zeichen pro Minute, aber diese Damen haben locker das Zehnfache an gesprochenen Wörtern geschafft. Jetzt frage ich mich nur: Ist Luke wirklich sooooooo süß?
Weiter geht’s im fröhlichen Akten abheften ich bin schon beim Buchstaben C…
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Hört sich trotzdem besser an als das normale Praktikantenlos zwischen Kopierer und Kaffeemaschine.
Wir kriegen doch sicher die Fortsetzung aus dem 2. Lehrjahr zu lesen ?
Was heißt übrigens “Boyakasha” ?
Da wird es bestimmt bald nen neuen Text geben
Ach derjenige verwendet das so wie dieses “Du schaffst es” also eigentlich sinnloser Text